Landesgruppe NRW

ADHS und Begleitstörungen (komorbide Störungen)

Trotz intensiver Forschungsbemühungen konnte die Ursache der Aufmerksamkeits-Defizit- /Hyperaktivitätsstörung bislang nicht eindeutig erklärt werden.

Auffallend ist, dass kaum eine alleinige ADHS vorliegt und diagnostiziert wird. Oft findet man noch Begleitstörungen (komorbide Störungen), die die Diagnostik der ADHS auch so schwierig machen. In Deutschland liegen noch keine statistischen Werte vor, aber in den USA spricht man von ca. 80 % Begleitstörungen bei ADHS.

Zu den häufigsten komorbiden Störungen gehören:

  • Entwicklungsstörungen
    Bei ca. 10-40% aller Kinder mit ADHS lassen sich Entwicklungsstörungen nachweisen. Im Vorschulalter und frühen Grundschulalter sind Sprachentwicklungsverzögerung und motorische Entwicklungsverzögerung (in der Fein- und Grobmotorik) besonders häufig.
    Man sagt, dass ca. 90 - 95 % der ADHSler in irgendeiner Form Wahrnehmungsstörungen haben.
  • Störungen des Sozialverhaltens / Aggressivität
    Jugendliche mit dieser zusätzlichen Störung haben eine hohes Risiko für Drogenmissbrauch, Führerscheinentzug und kriminelles Verhalten.
    Etwa 40 - 60% aller ADHS-Kinder sind davon betroffen.
    Bei dieser Störungsgruppe gilt in besonderem Maße, was auch für die übrigen ADH-Störungen gilt:
    Je früher die Behandlung beginnt, um so höher sind die Chancen. Bei jüngeren Kindern mit oppositionellem Verhalten empfiehlt sich vor allem die Verhaltenstherapie und ein Elterntraining.
  • Ticstörungen oder ein Tourette-Syndrom
    Ca. 30 % aller Patienten mit ADHS haben Tics oder ein Tourette-Syndrom, während ca. die Hälfte aller Patienten mit einer Tic-Störung oder ein TS auch ein ADHS haben.
    Tics sind plötzliche, wiederholte, stereotype und unwillkürliche Bewegungen oder stimmliche Äußerungen. Tics treten erst später auf als das ADHS. Weil zu diesem Zeitpunkt viele ADHSler bereits Medikamente nehmen, neigt man zu der Annahme, dass für die später auftretenden Tics das eingesetzte Medikament ursächlich sei. Bei der Mehrzahl der Patienten führt der Einsatz von Stimulanzien (Methylphenidat, Dextroamphetamin) nicht zu einer Verschlechterung der Tic-Symptomatik. Die Ticstörung ist medikamentös - auch parallel zu Methylphenidat - gut behandelbar.
  • depressive Störungen, Angst- und / oder Zwangserkrankungen
    Begleitende depressive Störungen bei ADHS finden sich ebenfalls häufig. Auch hier liegt nach amerikanischen Erhebungen die Betroffenheit bei 10 - 40 % der ADSler. Eine "reine" ADHS und ADHS mit zusätzlicher depressiver Symptomatik sind objektiv nur schwer zu unterscheiden. Erfahrungsgemäß werden depressive Symptome bei Kindern von ihren Eltern oft nur unzureichend erkannt.
    Bei den Angsterkrankungen haben Studien gezeigt, dass ein Viertel bis ein Drittel aller ADHS-Kinder davon betroffen sind.
  • Lern- und Teilleistungsstörungen
    Hierunter verstehen wir Beeinträchtigungen des Lern- und Leistungsverhaltens bei sonstiger körperlicher und geistiger Leistungsfähigkeit, die im Normbereich oder sogar darüber liegt.
    Hierzu gehören die Lese-Rechtschreib-Schwäche (Legasthenie) und die Rechen-Schwäche (Dyskalkulie), beides bei ca. 25 % der ADHSler auftretende Begleitstörungen.

Es gibt natürlich noch andere komorbide Störungen wie das Asperger Syndrom (eine leichte Form des Autismus), das gerade in den letzten Jahren immer mehr Beachtung finden. Diese Begleitstörung (ca. 2 -10 %), die auch bei Hochbegabung auftreten kann, wurde bisher selten diagnostiziert.

Die Prognose von Kindern mit kombinierten Störungen ist schlechter als die von Kindern nur mit ADHS.
Die differenzierte Diagnostik mittels Anamnese sowie psychologischer Verfahren und das Herausfinden der vielfältigen Begleitstörungen der ADHS hat wesentliche Bedeutung für die effektive Therapie der Erkrankung.
Wird die Grundstörung ADHS nicht erkannt, bleiben bei der Behandlung der Begleitstörung oft die Erfolge aus.

Zu diesem Thema empfehlen wir z. B. das Buch von Dr. Helga Simchen:
"Die vielen Gesichter des ADS - Begleit- und Folgeerkrankungen richtig erkennen"